Grenzen von Gestern

Grenzen von gestern

Ob Obergrenze, Kontingent oder Kapazitätsgrenze: Aus allen demokratischen Parteien erschallt der flehende Ruf nach dem Eingreifen des Nationalstaats in der Herausforderung globaler Flüchtlingsströme. Die Bilder der Münchner Willkommenskultur gehen um die Welt, während sich die German Angst mit jeder inszenierten Kapitulation eines mehr oder weniger prominenten Politikers tief in die Gesellschaft frisst. Man möge nur an den Landshuter Landrat denken. Das Wort „Personenfreizügigkeit“ wird 2016 vermutlich so gerne angefasst, wie 2013 die FDP gewählt.

Einige graue Herren mögen Europa und den Wegfall der Binnengrenzen seit einem Vierteljahrhundert als Luxus betrachtet haben, den man sich unter reichen Freunden eben leisten kann. Die Idee dahinter jedoch, dass jeder Mensch sein Glück, seine Arbeit und sein Zuhause dort finden kann, wo der Wind ihn hin trägt, hat eine Generation geprägt und wird auch über die jetzigen europäischen Außengrenzen hinaus nicht mehr aufzuhalten sein. „Jugendliche Träumerei!“ mögen das einige mit anteilnehmender Stimme nennen, während sie das Bedürfnis unterdrücken, mich wie ihren 10-Jährigen Sohn nach seinem ersten Fahrradsturz zu trösten.

Andere mögen mit Verständnislosigkeit oder gar Wut reagieren. In gewissem Maße auch nachvollziehbar. Sie fürchten sich vor allem Fremden, denn es bedeutet Veränderung des Status Quo. Doch mit der Angst vor dem Unbekannten verhält es sich glücklicherweise meist ähnlich wie mit der am Rande des Sprungbrettes im Schwimmbad: Es genügt schon ein Funken Zuversicht durch sich oder seine Mitmenschen, um beim anschließenden Auftauchen festzustellen, dass der Schmerz halb so wild und die Freude ungeahnt groß sein kann.

Nun, ich bin glücklicherweise in einer freieren Gesellschaft aufgewachsen, die deutlich weniger Grenzen kannte, als noch die Generation meiner Mutter. Während für sie der Ausflug von ihrer Geburtsstadt Aachen in die angrenzenden Städte damals noch ein richtiger Akt war, tingelte ich oft wie selbstverständlich für einen Kasten Bier nach Belgien oder auf einen Kaffee nach Maastricht. Viele Menschen in Aachen leben in Deutschland, aber arbeiten in den Niederlanden und umgekehrt. Das ist wunderbar und eine Bereicherung für Wirtschaft und Kultur in den Grenzregionen. Warum müssen wir da noch an Außengrenzen festhalten?

Für mich ist auch in windigen Zeiten kein Zurück in Sachen Freizügigkeit vorstellbar, denn der Gedanke hinter Schengen ist längst Teil meiner selbst geworden. Es erfordert sicherlich viel Mut und ein wenig gesunde Naivität diese Idee zu Ende zu denken, doch ich bin zuversichtlich, dass ich mit diesem Mut nicht alleine dastehe.